Festrede Michal Hvorecky im Rahmen des Agendafestes

Festrede anlässlich des Agenda 21 Festes am 16.5.2014

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Welserinnen und Welser !

Ich begrüße Sie alle herzlich zu unserem Fest Fünf Jahre Welser Innenstadtagenda 21. Ihre Präsenz hier heute ist ein Zeichen für den hohen Stellenwert, den die Kultur und die Bürgerinitiativen in dieser Stadt haben.

Michal-Hvorecky

Ich begrüße Sie alle herzlich zu unserem Fest Fünf Jahre Welser Innenstadtagenda 21. Ihre Präsenz hier heute ist ein Zeichen für den hohen Stellenwert, den die Kultur und die Bürgerinitiativen in dieser Stadt haben.

Am 1. April bin ich in ihre Stadt gekommen als erster Welser Stadtschreiber. Jetzt, sechs Wochen später, freue ich mich sehr, dass ich diese Entscheidung damals getroffen habe und mich um dieses Aufenthaltsstipendium beworben habe.

Zwei Monate ist eine zu kurze Zeit um Einheimischer, ein echter Welser zu werden und eine zu lange Zeit um nur als Tourist eine Stadt zu betrachten. Es gibt die Stadtschreiber zum Beispiel in Dresden oder im Schöppingen im Münsterland, die in den Städten, wo sie gastieren, eher isoliert an ihren neuen literarischen Texten schreiben. Ich wollte mich aber einmischen, öffentliche Lesungen veranstalten, Schulen besuchen, mit den Menschen reden, ihre Geschichten hören.

Einer der wichtigsten Gründe, warum ich nach Wels kommen wollte und warum ich auch gekommen bin, ist meine Überzeugung, dass es zwischen der Slowakei und Österreich wenig Kulturaustausch gibt. Ein Beispiel: Vor der sanften Revolution, also vor 1989, wurde mehr aus der zeitgenössischen österreichischen Literatur ins Slowakische übersetzt als heute.

Ich kann die modernen österreichischen Klassiker wie Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Peter Handke oder Hans Lebert auf Slowakisch lesen. Diese Werke sind in einer Zeit publiziert worden, als die Übersetzer, die Germanisten, die Lektoren und Verleger noch täglich mit der Zensur kämpfen mussten. Und heute, in der Freiheit, kann ich keinen einzigen Thomas Glavinic, Wolf Haas, Franzobel, keine Julya Rabinowich oder Anna Kim in der Buchhandlung in Bratislava in meiner Muttersprache, also Slowakisch, kaufen und durchlesen.

Und es gilt auch umgekehrt: Ich bin tief davon überzeugt, dass keiner von ihnen – und ich kann sehr gut verstehen warum – je einen slowakischen Roman der klassischen Moderne gelesen hat. Die Slowakei als eine kleine Kulturnation und Nachbar Österreichs bleibt fast unbekannt. Ich wollte und ich will auch in der Zukunft dazu beitragen, dass sich dass ein bisschen ändert.

Wie gerne würde ich meinen Freunden in Bratislava oder Košice die Kinderbücher von Adelheid Dahimène als Lektüre empfehlen, oder ihr spätes Prosa-Meisterwerk für die Erwachsenen „Die Rauchernovelle“, ein Buch, das leider erst posthum erschienen ist. Ich gebe zu, ich wusste vorher nicht, dass Adelheid Dahimène eine Welserin war. Auch mein kleiner Sohn kennt schon ihr Buch „Esel“, die bezaubernde, verrückte und aberwitzige Liebesgeschichte, die ihm sofort einleuchtete. Die Prosaautorin, Dramatikerin, Essayistin und Kinderbuchautorin wurde für ihre Arbeiten mit zahlreichen Preisen bedacht und sie hat auch das „Experiment Literatur“ im Welser Alten Schlachthof gegründet, eine Veranstaltungsreihe, die im deutschsprachigen Raum hochgelobt wird.

Adelheid Dahimène ist ein gutes Beispiel dafür, das in einer mittelgroßen österreichischen Stadt oft die Einzelpersönlichkeiten viel zu der Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit des kulturellen Lebens beitragen. Diese wachen und engagierten TeilnehmerInnen, diese sensiblen, kritischen und gründlichen BeobachterInnen des Welser Lebens und des künstlerischen Geschehens, die ich zu kennen und zu schätzen gelernt habe. Man findet sie im Amt Kulturaktivitäten der Stadt Wels, im MedienKulturHaus, im Alten Schlachthof, im Stadttheater, in der Galerie Forum und auch anderswo.

Siebzig Kulturveranstaltungen in einem Monat, oder sogar Hundert konnte ich im April und Mai 2014 in Wels besuchen. Ein Beweis: Das ist eine lebendige Stadt, in der immer etwas los ist. Dabei wissen viele von ihnen, viele von euch, dass das Budget für Kultur in Wels ziemlich gering ist.

Das großartige Museum Angerlehner mit unterschiedlichen Positionen der visuellen Kunst der Gegenwart. Das Programmkino hier im Haus mit den besten Filmen aus der ganzen Welt, wo es glücklicherweise 3D nur oben im stereoskopischen Kaiser-Panorama gibt. Der Alte Schlachthof mit Jazz Musik live am Dienstag und vielen erstklassigen Alternative Rock Konzerten am Wochenende oder spannenden Vorträgen zu den politischen Themen der Gegenwart. Das Lebensspuren Museum in der Pollheimerstrasse. Die regelmäßigen Konzerte in der Musikschule. Diese Stadt hat sogar ein eigenes Symphonieorchester. Und viel mehr.

 

Den einen gefällt die Minimal-Techno Party nicht, den anderen wiederum das Richard Wagner Festival im Stadttheater nicht. Und das ist gut so. Weil die Kultur dringend auch die Kritik, Dialog und Kontroverse braucht, sowie eine Debatte auf allen Ebenen über die Eigenständigkeit des Kulturellen, über die Bedeutung von Kultur als Lebensform, über Perspektiven einer Kulturpolitik im 21. Jahrhundert.

Ich bin in der Tschechoslowakei geboren, wo es nur eine offizielle Kultur gab und das war die nationale Katastrophe. Nur in der ständig gefährdeten und bedrohten Opposition und am Rande der Gesellschaft existierte die wichtige Vielfalt und Autonomie des freien künstlerischen Schaffens. Und es waren gerade die Künstler, die Schriftsteller und die Dramatiker, die mit Vaclav Havel an der Spitze vor einem Vierteljahrhundert zum Ende der Diktatur wesentlich beigetragen haben.

Wels feiert heuer 50 Jahre als Statutarstadt, also der Bezirk Wels wurde in Wels-Stadt und Wels-Land umgewandelt als erste Statutarstadt Oberösterreichs. Schon ein halbes Jahrhundert funktioniert der Magistrat dieser Stadt. Ich glaube, die Präsentationen der Welser Innenstadtagenda 21 haben uns gezeigt, wie sich die die Wahrnehmung eines Bürgers, eines Stadtmenschen und einer Stadtverwaltung in diesem Halben Jahrhundert geändert hat.

Heute dürfen die Welserinnen gemeinsam die Zukunft ihrer Stadt gestalten. Und viele sind tatsächlich engagiert dabei. Einige wollen sich mit dem Begriff der Heimat auseinandersetzen, was, wie viele von uns wissen, keine einfache Aufgabe in der ehemaligen Donaumonarchie ist. Verschiedene Künstler werden den ganzen Sommer im schönen Austria Tabak Pavillon das traditionelle österreichische Handwerk neu interpretieren.

Die anderen in Wels träumen von gesunderem Leben und besseren menschlichen Miteinandersein. Die Kulturgartengemeinschaft zwischen Gefängnis und Dragonerstrasse ist ein Ort der Begegnungen, aber auch ein Ort, wo man im Stadtbereich eigenes gutes Gemüse nachhaltig kultivieren kann. Zwei Begriffe spielen die zentrale Rolle: Bio und die Permakultur, also ethische Verantwortung und umweltfreundlicher Umgang mit dem urbanen Raum, was im Endeffekt eine grünere Stadt bedeuten soll. Keine schlechte Perspektive, vor allem wen man daran denkt, dass die Stadt Wels bald ziemlich blau werden könnte.

Als mein vierjähriger Sohn Maxim Anfang Mai Wels besucht hat, habe ich kapiert, wie viel Wels in Richtung Kinder und Jugendliche zu bieten hat. Und jetzt gibt es auch was Neues – zwei schmucke Automaten in der Innenstadt. Für nur 10 Cent kann man dort die Blumensamen mit extra Spruch dazu kaufen.

Das muss ich als slowakischer Staatsbürger unbedingt machen. Gerade zehn Cent waren nämlich auch der Schaden des Restaurants Plachutta in Wien, wo mein Landsmann, ein slowakischer Kellner, 5 Milligramm Zucker genommen hat im Wert von 10 Cent und damit seine eigenen Erdbeeren gezuckert hat, wofür er vom Herrn Mario Plachutta auf der Stelle gefeuert wurde. Die Presse, die seriöseste Tageszeitung die ich in Österreich gelesen habe, hat über diesem kriminalistischen Fall ausführlich berichtet.

Aber zurück zum Samen-Sprüche-Automat. Man kann damit einen positiven Gedanken gleich erden und wachsen lassen. Ein Traum der Gruppe von Welser Mädels ist Wirklichkeit geworden. Das Projekt ist sogar für den Klimaschutzpreis Junior nominiert. Wir drücken die Daumen.

Außerdem – jeden letzten Freitag im Monat wird aus einwandfreien Lebensmitteln eine Suppe gekocht. Das ist das Projekt Welser Suppenküche in Welios.

Viele von den gerade erwähnten Projekten sind auch sehr gut im Netz dokumentiert, so dass man sich selbst ein Bild davon machen kann.

Also Wels als eine Heimatstadt mit hoher Lebensqualität, mit partizipatorischen Interventionen und gesellschaftsrelevanten Projekten, die in der Zusammenarbeit mit der Bevölkerung gestaltet werden. Das ist sicherlich auch für die Slowakei ein vorbildliches Engagement und ich werde darüber in meiner Heimat berichten.

Ich wohne in Wels auf dem Stadtplatz und kann täglich aus der Nähe diese Stadt im Aufbruch und im Wandel beobachten. Wels steht vor der Herausforderung, die demografischen und strukturellen Veränderungen aktiv zu gestalten um die Lebensqualität zu erhalten. Wir sehen nämlich, wie die Authentizität entschleunigt ist und Standardisierung immer schneller wird. Franchising statt Individualität. Lärm statt Ruhe. Parkplätze statt Fahrradwege.

Die Einkaufszentren am Stadtrand von Wels haben die Funktionen von Boulevard, Marktplatz und Warenhaus übernommen als Tempel einer Konsum- und Komfort-Kultur. Viele Arbeitsplätze und Einkaufsmöglichkeiten verlagerten sich an den Stadtrand. Ich bin einmal mit dem Fahrrad Richtung ins Max.Centre gefahren und es hat mich fast das Leben gekostet.

Aber ich habe in Wels und gerade bei den Projekten der Innenstadtagenda 21 auch Leute kennen gelernt, die auf der Suche nach Wels als Stadt, in der Menschen zusammen leben, neugierig auf die wiedergefundene Zeit sind, in einer Stadt, reich an Geschäften, Spielplätzen, Cafés, Restaurants, Galerien, Orten voller Geist oder Handwerkskunst, wo der Mensch noch das Langsame anerkennt, den wohltuenden Rhythmus des Frühlings, die Echtheit der Produkte, den Geschmack und die Gesundheit achtet.

Bei meinen vielen Spaziergängen in der Innenstadt hat mich überrascht, dass zahlreiche Durchgänge verschlossen sind. Man hat mir erklärt, dass das früher nicht so war. Da wird den Bürgern der öffentliche Raum vor ihren Augen privatisiert. Gerade viele von diesen oft sehr alten Passagen und Arkadenhöfen aus der Barockzeit oder sogar Renaissance, die zu den schönsten Orten in der Topographie der Altstadt gehören tragen zu der inhaltlichen Spezifität von Wels bei. Nur bei der nachhaltigen Entwicklung kann die lokale Identität der Stadt weiter unverwechselbar bleiben.

Erlauben Sie mir bitte jetzt, meine Damen und Herren, einen literarischen Sprung aus Wels nach Afrika, vielleicht als kleine Erinnerung an das Fest der Kulturen. Ich will Ihnen folgende kurze Geschichte, ein afrikanisches Märchen, erzählen:

Ein Affe ging eines Tages an einem Fluss entlang und sah darin einen Fisch. Der Affe sagte: „Der Arme ist unter Wasser, er wird ertrinken, ich muss ihn retten.“

Der Affe schnappte den Fisch aus dem Wasser und der Fisch begann zwischen seinen Fingern zu zappeln. Da sagte der Affe: „Sieh an, wie fröhlich er jetzt ist.“ Doch natürlich starb der Fisch an der freien Luft. Da sagte der Affe: „Oh wie traurig – wäre ich ein wenig früher gekommen, ich hätte ihn retten können.“

Meine Damen und Herren, Sie haben gehört: Da ist einer, bei dem die Problemlösung von falschen Voraussetzungen ausgeht.

Ich glaube, gerade bei der Innenstadtagenda konnten wir beobachten, wie man das richtig macht, so das die Menschen, aber auch Affen und Fische weiter in Wels glücklich leben können. Hiermit begrüße ich auch die zahlreichen lieben Tiere im Welser Tiergarten, der ganz wunderschön und noch dazu kostenlos ist, was in Europa schon fast ein Wunder ist.

Bratislava und Wels, die Slowakei und Österreich brauchen nicht nur Annäherung und mehr Übersetzungen, sondern auch neue gemeinsame Mythen, neue Verfahren, Mehrsprachigkeit, mehr Austausch.

Ich wünsche Ihnen und der Stadt Wels alles Gute. Ich bedanke mich nicht nur für ihre Aufmerksamkeit, sondern auch für Ihr Engagement und Ihre Unterstützung – ohne sie wäre die erfolgreiche Entwicklung der Innenstadt Agenda nie möglich gewesen.

Ich danke Ihnen dafür, dass ich die letzten sechs Wochen in dieser Stadt leben und schreiben durfte, und ich hoffe, dass ich auch noch in den folgenden zwei Wochen hier bleiben und schreiben darf.

Danke schön. Ďakujem vám!

Projekte

EIn Projekt der Welser Innenstadtagenda21